Ausführliche FassungMediensystemYou&Me-isms ist ein eigenwilliges, künstlerisch-experimentelles Mediensystem im Zeitalter hochtechnisiert-indus-
trieller Kommunikationsmaschinen.
Es ist als Medium technisches Mittel, Wissensspeicher und soziales Interaktionsmittel und besitzt einen materiel-
len, sicht- und benutzbaren Zeichenvorrat.
Auf historische, analoge Technologien wie optische Telegrafen, Fernschreiber oder Anzeigemedien wie die Nixie-
Röhre rekurrierend, ist die Installation mit ihrer Leuchtzeichen-Matrix eine Art Cyberpunk-Kommunikationsmaschi-
ne mit offensichtlichen Eigenheiten, sie ist Licht-Schreibmaschine und im www publizistisches Instrument.
Wortschreibungs-VorgangIn der Installation sind 440 gläserne Neonschriftzeichen zu einer etwa 50 Quadratmeter Leuchtzeichen-Matrix ver-
woben. Sie beinhaltet unterschiedliche Schrifttypen in verschiedenen Schriftgrößen als Majuskeln und Minuskeln,
ergänzt um Satz- und Sonderzeichen. Im äußeren, linken Bereich der Leuchtzeichen-Matrix benden sich besonders
große Majuskeln als “Initialen“. Als Initiale leuchtet ausschließlich der erste Buchstabe des ersten Wortes einer Bot-
schaft auf.
Zwischen den Leuchtzeichen befinden sich sichtbar für die Besucher die unzähligen Kabel und Vorschaltgeräte.
Dieser mehrschichtig verwobene, clusterartige 'Teppich' ist als alphanumerisches Display interaktiv bespielbar: Die
Besucher sind aufgefordert, als User über eine wortsprachliche Botschaft mit
You&Me-isms zu interagieren. Auffor-
derungen und Bedienungsanweisungen werden am Ort der Installation über LED-Laufschriften, Monitore, Texttafeln
und Konzeptzettel kommuniziert, nach “außen“ über Flyer und Plakate und im Web über die Projekt-Website, den
Projektblog sowie Facebook.
Über sms und twitter oder auch über ein Eingabe-Terminal können die User ihre Botschaften mit bis zu 160 (sms)
bzw 140 Zeichen (twitter) in das System eingeben. In der Leuchtzeichen-Matrix wird ihre Botschaft dann durch das
sequentielle Aufleuchten entsprechender Leuchtzeichen abgespielt.
Mit dem Akt der 'Zuschreibung' über Botschaften verleihen die User dem Gewirr aus Material, Linien und Zeichen
buchstäblich Struktur und wortsprachlichen Sinn - oder Unsinn. Die Installation wird damit für einen leuchtenden
Moment zum Kunstwerk der User, das erst mit und durch Kommunikation entstehen kann.
Auf die abgespielte User-Botschaft in der Leuchtzeichen-Matrix folgt automatisiert eine 'Reply' als Reaktion aus
dem Web. Dazu wird die Botschaft vom Programm automatisiert in Suchmaschinen eingegeben und das (erste)
Ergebnis mit bis zu 160 Zeichen in der Leuchtzeichen-Matrix angezeigt.
Im Zusammenspiel von User-Botschaften und Web-Replies entstehen Textkombinationen quasi als 'Cyber-
Cadavre-Exqius'. Cadavre Exqius ist eine im Surrealismus entwickelte spielerische Methode, dem Zufall bei der
Entstehung von Bildern oder Sätzen Raum zu geben.
In Pausen zwischen User-Botschaften werden Newsfeed-Einspeisungen und archivierte Botschaften in der Leucht-
zeichen-Matrix abgespielt. Somit ergeben sich unterschiedliche Kombinationsmöglichkeiten zusammentreffen-
der, über
You&Me-isms miteinander in Bezug gesetzter Kommunikationen bzw. intendierter oder zufälliger, kom-
munikativer Anschlusshandlungen.
Die Botschaften scheinen sich im Moment des Aufleuchtens in den Glasröhren der Neonzeichen zu 'inkorporieren',
bevor sie sich als die Lichterscheinung auflösen, der sie physikalisch entsprechen. Dennoch bleiben Spuren der In-
formationen erhalten: Alle eingegebenen Botschaften und ihre Web-Replies werden in einer Archiv-Datenbank ge-
speichert.
Auf der Projekt-Website
(http://www.youandme-isms.net/isms) können die Botschaften im Archiv eingesehen, Stern-
bewertet und virtuell als Animation mit Sound abgespielt werden.
Auf der Website selbst können keine Botschaften in die Leuchtzeichen-Matrix eingegeben werden, das ist nur per
SMS oder twitter möglich.
Die Botschaften, die an den verschiedenen Orten der Installierung eingegeben wurden, werden auf der Website
projektweise archiviert.
KontingenzDie User können das visuelle Erscheinungsbild ihrer Botschaft nicht beeinflussen. Das Matrix-System variiert über
Zufallsgeneratoren in Echtzeit sämtliche Wort-Schreibe-Parameter wie Zeichentypen, Zeichengröße sowie Rhyth-
men und Orte des Aufleuchtens der Zeichen bei der Darstellung einer Botschaft. Dabei entstehen in der Matrix
stets veränderte Typografien als nicht vorhersehbare Szenen-Layouts in wechselnden Zeichen-Wort-Routen.
Die Zeichen können im Schreibvorgang auch nach links zurückspringen, nach oben oder unten und auch in die
Tiefe der sich überlagernden Leuchtzeichen.
Die offensichtlich nicht-linearen, unberechenbaren Zeichenprozesse in der Leuchtzeichen-Matrix weisen auf die
Kontingenz (medialer) Kommunikation und ihrer Zeichenprozesse.
Die Anzahl unterschiedlicher Wort-Routen und darüber entstehender Typografien ist durch Abhängigkeit der ver-
wendeten Zeichen einer Botschaft und durch den Zeichenvorrat in Anzahl und Positionen der Zeichen begrenzt.
Das Aufleuchten der Neonzeichen im Botschaften-Schreibvorgang wird rhythmisch unregelmäßig und zufällig bei
jedem Zeichen variiert. Auf diese Weise wird ein 'human touch' in den Schreibvorgang des Systems moduliert.
Das Setzen jeden Zeichens wird in seiner links-rechts-Position akustisch betont durch stereophone Begleitsounds
von gesampelten Kugelkopf-Schreibmaschinen, so dass die Ortung der aufleuchtenden Zeichen in der Matrix au-
diovisuell erfolgen kann.
Für Satz- und Sonderzeichen, Leerzeichen, Ziffern und Initialen gibt es jeweils eigene Aufleucht-Rhythmen/Pausen
und jeweils eigene Sounds.
Die synchron zum Aufleuchten abgespielten Sounds werden zusätzlich zum variierenden Aufleucht-Rhythmus
auch noch klanglich über zufallsgesteuert wechselnde Soundfiles variiert.
Sämtliche Parameter des Systems sind frei konfigurier- und einstellbar, auch die Zufallsraten. Das System wird so
den unterschiedlichen, situativen Kontexten angepasst und dient gleichzeitig zur Erprobung von Zeichenprozessen
und Wahrnehmungsvorgängen in der Leuchtzeichen-Matrix.
Leuchtzeichen-MatrixZentraler Bestandteil des Mediensystems
You&Me-isms ist die Leuchtzeichen-Matrix als Anzeigemedium und -display,
das aus sichtbar gebrauchten Neonzeichen der Lichtwerbung des Öffentlichen Raumes besteht. Die gebrauchen Neon-
zeichen werden hier erneut in Kommunikationszusammenhänge 'eingeschleift', als Sample kontextuell recykelt, inter-
aktiv ge-remixt und als Assemblage partizipativ 'culture-gejammt'.
In expliziten Zeichenprozessen treffen die aufleuchtenden Zeichen- und Wortcluster in der Leuchtzeichen-Matrix als
aufblitzende Werbe-Lichtsignale mit 'erpressertypografisch' collagierten Botschaften gewissermaßen 'iconoclastisch'
aufeinander um sich als zerschießende Zeichenketten in Licht und grauweisse Linienmuster aufzulösen.
Die formale Erscheinung von
You&Me-isms liegt zwischen Gebrauchs-Design und gebrochen-massenmedialem Spiele-
show-Styling, Retro-Futurismus und Cyberpunk, zwischen chaotisch-rhizomorphen Strukturen und technisch-funktio-
naler Ästhetik.
NeonNeonlichtzeichen sind ein beinahe nostalgisch wirkendes Lichtmedium, das durch die LED vor dem Ende seiner ein-
stigen Größe steht.
Mit Neonlicht kulturell assoziiert ist die Lichtgestalt des metropolitanen Flaneurs und Dandys.
Als sublim-lichtgewordenes Zeichen des ökonomisch bestimmten (Stadt)Raumes und seinen Verheissungen model-
liert es einen psycho-sozialen Resonanzraum sich selbst erfüllender Prophezeiungen, in welchem es mit den Schat-
tenbbildern rückprojizierter Wünsche, Erwartungen und Sehnsüchte endlos umeinander schwingt.
Die Bestimmtheit und Fixiertheit, mit der Zeichen in der (visuellen) Kommunikation erscheinen, werden in der
Leuchtzeichen-Matrix durch die fragilen, im Fließen des Glases zu Form erstarrten Neonzeichen repräsentiert.
Die physisch 'manifeste' Präsenz der Neonzeichen wird über die User-Textbotschaften gewissermaßen interaktiv-
lichtelektrisch 'verflüssigt'.
KonstruktivistischesKonzeptionell setzt sich
You&Me-isms auseinander mit den konstituierenden, medial-kommunikativen Bedingun-
gen dessen, was gemeinhin Wirklichkeit genannt wird und in der westlichen Kultur auf dichteste Weise verknüpft
ist mit dem visuell Wahrnehmbaren und sensorisch-haptisch Erfassbaren.
Elektrisches Neonlicht ist hier exemplarisch ein immaterielles, signalgebendes und signaltragendes Medium das
als glasgeformtes Artefakt dennoch materialisiert erscheint. In der Matrix werden die Neonröhren für Beobachter
gewissermaßen zu solchen zwischen Material-, Zeichen- und Begriffswelt 'kommunizierenden Röhren'.
Mit dem Akt der 'Zuschreibung' von Botschaften verleihen die User dem Gewirr aus Linien buchstäblich Struktur und
wortsprachlichen Sinn - oder Unsinn. Die Installation wird damit für einen leuchtenden Moment zum Kunstwerk der
User, das erst in Zusammenhang von Material und Kommunikation entsteht und auf diese Weise zum ästhetischen
Gegenstand wird. Die Erwartungen und Bedeutungszuweisungen der Besucher an ein Kunstwerk werden anhand des
Systems auf sie selbst und in ihren Wahrnehmungs-, Begriffs- und Theorieapparat zurückgeworfen.
Der Künstler ist
Moderator, Administrator, Konstrukteur hinter und gleichzeitig Fallensteller im System.
In
You&Me-isms ist es ein augentastendes Sehen und Wahrnehmen, in dem Lesen zu einem Vorgang der Ortung von
Zeichen und des buchstabenweisen Zusammensetzens wird. Gewohnte Kommunikationsvorgänge werden erschwert,
verlangsamt und verkompliziert. Das Medium und seine Effekte tritt in den Vordergrund: Das Medium als Message
und Massage (McLuhan, The Medium is the Massage: An Inventory of Effects, 1967).
Hier werden in
You&Me-isms gewissermaßen als Meta-Medium Vorgänge medialisierer Wirklichkeitskonstruktion the-
matisiert und als konstruktive Basis sozialer Prozesse in den Vordergrund gerückt, die an die Grenzen einer sprach-
lich verfassten Welt führen.
You&Me-isms bindet die Besuchenden ein in jenen Prozess, der von der passiven ästhetischen Degustation des Kom-
munikations- und Mediensystems Kunst aus direkt auf die Positionen des Radikalen Konstruktivismus hinzu führt:
In diesem spezifischen Erfahrungsraum sind die Aktionen, die Aktivitäten der Besuchenden nicht nur integraler Teil
dieses Prozesses, sondern sie sind conditio sine qua non.
Die Arbeit wirft mit den interaktiv für die User geöffneten Zu- und Einschreibungsschnittstellen das gleichermaßen
flüssig-flüchtige wie fragile Verhältnis von Form, Inhalt, Interpretation und Projektion auf die Rezipienten zurück –
als eigene, in jedem Moment neu zu formulierende Wirklichkeit, als zerrinnende und stets neu kristallisierende Be-
deutungen von Zeichen und Begriffen, ohne die die westliche, visuell verfasste Welt vielleicht in einer Art Agnosie
verharren würde und sich ihre Lichtbilder als 'chimärenhafte' lichtphysikalische, impulsartige Reflexe auslösende
Erscheinungen im Äther verlören.
English summery
Drawing from analogue technologies, such as optical telegraphs, telex machines and advertising media,
You&Me-isms is an idiosyncratic cyberpunk communication machine.
Visitors are asked to interact as users with messages and
arrange a seemingly 'chaotic' structure of matter
by their words and transforming it into personal (more or less) 'senseful' objects.
The medium becomes the message while the user-message becomes a
measure for the distance between
matter and conception because and
although it constructs the relation between matter and conception,
chaos
and order as object in the same moment.
Their messages appear as an illuminated path of signs in the lightsign-matrix, where they cross over with
web replies and news feeds. The chaotic, complex network of 440 neon signs is literally attributed sense
(or nonsense) and lent an apparent structure. A confrontation with and inquiry into the construction of
reality characterizes the interactive installation project. In the installation 440 neonsigns are interwoven
to a 50 square metre, multi-layer 'carpet' which becomes for the users an interactive 'lightsign' matrix.
By sms and twitter or by special input terminals they can enter their messages up to 160 characters into
the system. Then in the lightsign- matrix the message is played by sequential lighting up of suitable
characters. About that, the users lend to the tangle from material, lines and characters to a literally
structure and word-linguistically sense. The installation becomes for user's message for a luminous
moment their piece of art which can originate only with and by communication.
Messages appear "materialising" but are a quickly resolving light phenomena in the neonsign matrix.
Still they remain saved: The user's messages are saved on the project-web page, can be seen, star-rated
and virtually simulated. Because all writingparametres (e.g., character choice, light-up rhythms) are
combined with random generators, the representation of a message on a real-time basis are varied by
the control system, there are no predictable layouts. Messages are written in varying character word routes
and typographies. The process occurs non-linear. The characters can switch in the writing process also to
the left, back to top or below and also in the depth of the overlapping neon signs. Lighting up the neon
characters in the message writing process is varied rhythmically irregularly and by chance with every
character.
"Human touch" in this manner it is modeled in the writing process of the system. Every character has
according to its right-left position an stereophonic accompanying, changing sounds of sampled ball head
typewriters, so that the detection of the lighting up characters can occur in the matrix audiovisually. The
expectations and meaning questions of the visitors to a piece of art as a part of the media system art are
thrown back by means of the system on themselves and in their perception, term and theory apparatus.
You&Me-isms binds the recipients in a process which leads from the passive aesthetic degustation directly
to the positions of Radical Constructivism: In this specific space of experience are the operations, the
activities of the visiting not only integral part of this process, but they are a sine qua non condition.